Zwei sitzende Männer, der eine raucht eine Pfeife, der andere starrt gedankenverloren ins Nichts. Daneben schreinert ein anderer. Wer noch ein Stück weitergeht, sieht, wie eine Frau ein Kind badet. Auf der rotbraunen Fassade der ABZ-Siedlung «Kanzlei» zieren verschiedene Malereien. Wilhelm Hartung malte diese im Jahr 1930. Die Siedlung entstand in der Ära des «Roten Zürich», jener Zeit, in der die sozialdemokratische Stadtregierung gezielt günstigen Wohnraum für Arbeitende-Familien schuf und Zürich mit Genossenschaftsbauten, Sozialpolitik und Kultur prägte. Als diese bezahlbaren Wohnungen geschaffen wurden, schrieb die ABZ in der Broschüre: «ein Stück neue Welt, vom Kapitalismus befreite Erde». Diese Siedlung gehört zu den Seebahnhöfen im Zürcher Kreis 4, zwei Genossenschaftssiedlungen, die sich zwischen Lochergut und Erismannhof entlang der Seebahnstrasse ziehen.
Wer in der Stadt Zürich wohnt, wird an dem Begriff «Seebahn-Höfe» nicht umhergekommen sein. Selten hat eine Wohnsiedlung für so viel angeregten Lesestoff gesorgt. Und wieso? Nun, mein Kulturerbe, das Kulturerbe von ca. 300 anderen Personen, wird abgerissen.
Für mich ist diese Siedlung mein derzeitiges Zuhause, das Zuhause, welches ich schweren Herzens verlassen muss. Glücklicherweise durfte ich zwischen denselben Wänden wohnen, in denen einer meiner engsten Freunde aufgewachsen ist. Was haben wir hier gelacht, geweint, stundenlange Gespräche auf dem Balkon geführt, über die Geschichten dieser Welt, und uns darüber erzürnt, dass dieses Zuhause verschwindet.
Was diese Siedlung ausmacht, sind nicht die Wände. Es ist der Pizzaofen im Innenhof, um den sich Nachbar*innen versammeln, die sich sonst vielleicht nie begegnet wären. Siedlungsfeste, bei denen getratscht wird, und kleine Begegnungen zu Freundschaften führen. Der Abriss reisst nicht nur in den Boden ein riesiges Loch. Stück für Stück schwindet die Erinnerung an die Zeit, als Zürich rot war und würdevolles Wohnen keine Frage des Geldbeutels sein sollte.