«wie schön doch der Kapitalismus ist»

«Monsterbank, was soll denn der Scheiss? Wieso wird der Finanzwelt wieder mal so viel Beachtung geschenkt? Sorry, es kann doch nicht sein, dass die Credit Suisse uns mehr beschäftigt als die Tatsache, dass die Welt gerade am Klimawandel zugrunde geht.»

Mathilda, meine temperamentvolle Mitbewohnerin, regt sich gerade auf wie ein Kleinkind, dem die Schokolade vor dem Abendessen verweigert wird, als ich sie über die Schweizer Worte des Jahres 2023 aufkläre. «Und was hat «ghosting» auf dieser Platzierung zu suchen? Das Wort benutzen wir doch schon seit tausend Jahren – wieso wird das 2023 gewählt? Von mir aus, die «Monsterbank» kann ich nachvollziehen, immerhin ist das Cabaret mit der Credit Suisse in den Medien sehr präsent gewesen. Aber ich verstehe nicht, wieso hier die Banken eine grössere Plattform erhalten als andere gesellschaftliche Probleme!»

Mathilda ist eine geborene Politikerin. Laut und stolz trägt sie ihre Meinung wie die polierte Rüstung eines edlen Ritters und ist stets für einen Kampf bereit.  Deshalb studiert sie Politikwissenschaft und ist Feuer und Flamme dafür, mit mir über die Wörter des Jahres zu debattieren. Für Mathilda ist klar: während sich die Chefs der CS die Boni auszahlen lassen, die Bank in den Ruin treiben, trotzdem vom Staat gerettet werden, keinerlei Konsequenzen tragen müssen und weiterhin gemütlich ihre Aperol Spritz in ihren Villen trinken, wirkt sich der Klimawandel real auf unsere Welt aus – und die Deutschschweiz kratzt das scheinbar kein bisschen. In den anderen Landessprachen kümmert man sich um solche Themen, wie die auserkorenen Wörter der italienisch- und rätoromanischsprachigen Schweiz zeigen. «Econansia» (Klimasorge) auf Platz drei und «Solarexpress» (das Programm für die verstärkte Förderung von Solarenergie) sogar auf dem ersten Platz.

«Wie schön doch der Kapitalismus ist», ergänzt Mathilda noch seufzend. Ihrer Ansicht nach spiegelt die Wortwahl ein grösseres Problem unserer Gesellschaft wider. Angst um unser Vermögen sei berechtigt, jedoch vergessen wir, dass wir ohne unsere Mutter Erde keinen Ort mehr haben werden, um unser heissgeliebtes Geld auszugeben.


Diese Arbeit ist im Rahmen der Bachelorausbildung Kommunikation mit Schwerpunkt Journalismus an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften entstanden.