entschleunigt – papaya gegen fast fashion

Im Zürcher Kreis 5 betreiben Maya Suter und Csilla Horvath den kreislauffähigen Secondhandladen papaya STUDIO. Obwohl die Diskussion über Fast Fashion mittlerweile schon ein alter Hut ist, steigt der Konsum. Unwissen ist nicht das Problem.

«Clothes deserve a second chance, not your ex» – ein klares Statement prangt in Grossbuchstaben am Schaufenster beim Eingang. Farbig, gemustert, glitzernd – die Einzelstücke hängen sorgfältig sortiert an den Stangen. Dazwischen: Rollwägen überhäuft mit Textil-Bergen. Auf den ersten Blick scheint das papaya STUDIO an der Josefstrasse wie ein herkömmlicher Secondhandladen. Doch hier wird auch geflickt, genäht, recycelt und über Konsum nachgedacht.

«Studio im Namen ist aus dem Sinn, dass wir verschiedenste Dinge anbieten wollen. Wir wollen wie eine Recyclingstation sein.», sagt eine der Gründerinnen Maya Suter. Kaputte Kleidung wird repariert oder zu einem neuen Teil umgewandelt – brauchbare, hochwertige Stücke werden wiederverkauft. In Zusammenarbeit mit «ademain» recyceln sie nicht mehr tragbare Baumwoll-Kleidungsstücke zu neuen Fasern. Die beiden Eigentümerinnen Maya Suter und Csilla Horvath haben den kreislauffähigen Secondhandladen anfangs Januar eröffnet.

 «Genug für sechs Generationen»

Maya Suter hat nicht nur einen Master in Fashion Design, sondern auch viele Jahre in der Modewelt verbracht – bis ihr der Geduldsfaden riss: «Ich habe einfach lange in dieser Industrie gearbeitet und gemerkt, es muss eine andere Lösung geben. Eigentlich hat es so viele Kleider auf der Welt, es hat, glaube ich, für die nächsten sechs Generationen genug. Ich habe einfach Kollektion um Kollektion entwickelt, und habe mich immer mehr gefragt, für wen mache ich das genau? Es hat doch genug.»

«Altkleider, die nicht mehr gebraucht werden – wiederverkaufen. Das ist eigentlich die direkteste und die nachhaltigste Lösung, weil es eigentlich die wenigsten Ressourcen braucht.» – Maya Suter, Mitinhaberin papaya STUDIO

Dieses Problem geht weit über Zürich hinaus. Laut neuesten Schätzungen der Europäischen Umweltagentur (EEA) kauft jede Person in der EU durchschnittlich 19 Kilogramm Kleidung und Schuhe pro Jahr – so viel wie nie zuvor. In der Schweiz liegt der Verbrauch laut Bundeszahlen sogar bei 22 Kilogramm pro Kopf. Zudem nimmt die Qualität der erworbenen Fast Fashion stetig ab, was die Wiederverwertung erschwert. Rund 89 % der Kleidungsstücke enthalten synthetische Fasern wie Polyester, Nylon oder Acryl – die nicht biologisch abbaubar sind und sich nur schwer recyceln lassen.

Fast Fashion verursacht rund 10 % der weltweiten CO₂-Emissionen, verschlingt dabei Wasser, Land und Energie – zusätzlich spülen sie mit jeder Waschladung Mikroplastik in unsere Gewässer. Hinzu kommen der klimabelastende Transport und die prekären Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern. Kaum getragen, enden viele Stücke auf den Altkleiderbergen Europas – oder werden in den globalen Süden exportiert, etwa nach Ghana. Für Suter ist deshalb klar: «Altkleider, die nicht mehr gebraucht werden – wiederverkaufen. Das ist eigentlich die direkteste und die nachhaltigste Lösung, weil es eigentlich die wenigsten Ressourcen braucht.»

Aufwendig, wenig lukrativ, doch lohnenswert

Was als engagiertes Gegenmodell zur Wegwerfmode geschlüpft ist, entpuppt sich im Alltag als fordernder Balanceakt zwischen Anspruch, Aufwand und Realität. Kund*innen betreten hier den Laden mit dem Wunsch, die eigenen alten Kleider abzugeben – erwarten dabei gleichzeitig eine grosse, modische Auswahl zu kleinen Preisen. «Da stehst du also an beiden Enden, du willst ein gutes Angebot kuratieren, du willst gute Preise haben, aber du willst natürlich auch etwas zurückgeben, und das ist wirklich ein Spagat – jeden Tag.» sagt Suter zu den täglichen Herausforderungen. Die Woche wird aufgeteilt, finanziell liegt es nicht drin, gemeinsam durchgehend präsent zu sein – nebenbei haben beide Gründerinnen noch einen anderen Job. Einmal die Woche kommt eine Schneiderin und bearbeitet die Reparaturen.

Kreislaufwirtschaft ist aufwendig und oft wenig lukrativ. Dennoch ist es für Csilla Horvath die richtige Entscheidung gewesen: «Ich mache das aus Überzeugung, auch wenn es viel Zeit und alles ist, und wir nicht reich werden, es ist für mich etwas, was ich absolut dahinterstehe, gerne mache, gerne da bin, und es lohnt sich.»

Kleider machen Leute

Trotz des wachsenden Bewusstseins für Klimaprobleme bleibt der Konsum von Fast Fashion hoch. Das liegt nicht primär an fehlender Information. «Im Gegensatz zu Wissen wird das Verhalten viel mehr über Motive oder Barrieren gesteuert.» erklärt Dr. Bettina Höchli, promovierte Ökonomin und Konsumforscherin. Sie sagt, dass Konsum nicht nur aus rationaler Überlegung erfolge, sondern auch dazu diene, Bedürfnisse wie Zugehörigkeit, Individualität, Status oder Belohnung zu erfüllen. Sie betont, dass nicht alle Menschen aus denselben Gründen handeln – Motive seien individuell. Gleiches gelte für die Barrieren: Wer vollständig auf Secondhand umsteigen wolle, müsse z.B. neue Einkaufgewohnheiten zulegen, wofür unter anderem Zeit investiert werden muss.

Was Gottfried Kellers Seldwyler Schneidermeister schon wusste, gilt heute noch – Kleider machen Leute. «Dann gibt es vielleicht soziale Faktoren, die beeinflussen. Zum Beispiel, dass die sozialen Motive, wie Status, als wichtiger erachtet werden als die Nachhaltigkeitsmotive. Aber dass man sich gegen den sozialen Druck oder den sozialen Einfluss stellt, ist immer sehr schwierig oder herausfordernd.» so Höchli über die Dynamiken hinter den Kaufentscheidungen.

Für Maya Suter muss sich in der Kommunikation rund um «Repair-Teile» und Secondhand etwas verändern. Es solle nicht aus einem schlechten Gewissen geschehen, sondern gesellschaftlich akzeptiert sein. «Es muss cool sein. Ein schlechtes Gewissen ist nicht sexy. Es muss eine Mischung aus beidem sein.» Oder wie ganz subtil am Schaufenster steht: «Go second hand or go naked».


Diese Arbeit ist im Rahmen der Bachelorausbildung Kommunikation mit Schwerpunkt Journalismus an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften entstanden.

Der Artikel «entschleunigt – papaya gegen fast fashion» wurde gemeinsam mit dem Video «reparieren statt wegwerfen – was kleidung wirklich kostet» und dem Interview «das belohnungssystem erzeugt nur ein kurzfristiges hochgefühl» als zusammenhängender Multimediabeitrag konzipiert und erstellt.