herausforderung: alltag

Der Alltag eines Betreuers in einem Heim für unbegleitete minderjährige Asylsuchende ist geprägt von Herausforderungen. Matteo Fontana erlebt hautnah, wie schwer es ist, in einem festgefahrenen System Veränderungen zu bewirken. Seinen Job liebt er trotzdem.

Es ist Montagmorgen, kurz nach elf. Ramon Weber betritt langsam das Hauptbüro. Mit runzliger Stirn und hochgezogenen Augenbrauen stützt er sich auf die weisse Bürokommode, die als Empfangstresen dient. Ruhig wartet er, bis sich seine Kolleg*innen im Halbkreis zuwenden. Es ist still – nur das Ticken der Uhr, das Klimpern eines Schlüssels und leise Atemzüge sind zu hören. «Nematullah macht nie die Hausaufgaben und erscheint auch nicht in der Schule. Er checkt nicht, dass er fliegt, wenn er so weitermacht. Ich glaube, dahinter stecken psychische Probleme oder Überforderung.» Er fährt sich mit den Händen durchs kurze Haar und lässt den Blick durch den Raum wandern. Alle schweigen. Matteo Fontana steht auf und widmet nun seine ganze Aufmerksamkeit der neu eröffneten Diskussion.

Matteo Fontana – dieser und sämtliche andere Namen wurden aus Datenschutzgründen geändert – studiert Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Luzern und arbeitet als Betreuer in einem Heim unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMA) in der Stadt Zürich. Im Jahr 2024 kamen 2’639 UMA in die Schweiz, im vorherigen Jahr war die Zahl fast 40 Prozent höher, wie das Staatssekretariat für Migration (SEM) berichtet. Von ihnen leben rund 30 Jugendlichen in diesem Heim. Der 28-Jährige und seine Teamkolleg*innen unterstützen sie dabei, eine Lehrstelle zu finden und den Alltag zu bewältigen – mit dem Ziel, sie langfristig auf ein selbständiges Leben, ausserhalb betreuter Heimstrukturen, vorzubereiten. In der Schweiz gibt es keine gesetzlichen Vorgaben zur Mindestbelegung von Asylunterkünften. Der Schwerpunkt liegt stattdessen auf der Einhaltung von Mindeststandards für die Unterbringung und Betreuung, um den Schutz und das Wohlbefinden der Asylsuchenden sicherzustellen.

Herausforderung: Essen

Ein süsslicher Duft zieht durch das Erdgeschoss. Es riecht nach Bananen. In einem Migros-Papiersack liegen dutzende überreife, braun-gefleckte Bananen. «Zurzeit ist eben Ramadan und das macht die Essensplanung schwieriger», erklärt Tessa Bachmann, während sie einen Teil der Bananen in den Mixer haut. «Die meisten essen tagsüber nicht, dadurch bleiben so viele Reste.» Die Sozialarbeiterin füllt das Getränk in Gläser und stellt einige davon beim Frühstücksbuffet ab – den Rest verteilt sie den anwesenden Team-Mitgliedern. Mittag- und Abendessen liefert ein Catering-Service. Während des Ramadans aber kochen viele der Bewohner*innen selbst in der Gemeinschaftsküche im Untergeschoss – und laden ihre Betreuer*innen gelegentlich zum Festmahl ein.

12:02 Uhr – Zeit, das Essen bereitzustellen. Vier grosse Gastroschalen, gefüllt mit Kartoffeln, Ćevapčići-Spiessli, Gemüse und einem Karottensalat. «Uns wurde das falsche Essen geliefert! Das ist viel zu viel. Wir haben für sieben Leute bestellt und haben jetzt für 17 Leute Essen. Was sollen wir machen?» Fontana kontaktiert den Catering-Service. «Wir sollen es behalten, haben sie gesagt.» Jetzt gab es eine Verwechslung mit dem Essen einer anderen Einrichtung. Laut dem Sozialarbeiter Tony Bühler komme das öfter vor, weshalb man die Bestellung besser noch kurz überprüfen solle, bevor man sie annehme. Damit das Essen nicht verschwendet wird, setzt sich das Team an den Mittagstisch und schöpft sich ebenfalls.

Herausforderung: Weckrunde

Viele erinnern sich daran, wie sie als Kinder früh zur Schule mussten und von den Eltern geweckt wurden – anstrengend. Daher werden hier die Weckrunden mit viel Empathie mehrmals gemacht. Die Jugendlichen lassen sich nicht gerne wecken, dazu kommt, dass alle in verschiedene Schulen gehen, andere Unterrichtszeiten haben. Allerdings kostet dieses Morgenritual auch das Team viel Energie. «Oft haben sie auch keinen Bock, oder sie chillen schon am Handy und wenn ich sie wecken gehe, stellen sie sich wieder schlafend.», erklärt Bachmann, die heute die Weckrunden durchführt.

«Ich finde das generell am unangenehmsten. In meiner ersten Arbeitswoche hatte ich nur Frühschichten. Dann musste ich als wildfremder Betreuer die Jugendlichen wecken. Das ist schon komisch – sie haben dich noch nie gesehen und dann in diesen intimen Moment einzudringen fühlt sich falsch an.» sagt Fontana über diese tägliche Herausforderung. «Wenn du die Jugendliche schon kennst, ist es einfacher, aber ich mache es trotzdem nicht so gerne.»

Herausforderung: starre Strukturen

Fontana startete seine Tätigkeit als Betreuer an einem anderen Standort – eine Übergangsunterkunft, befristet auf ein Jahr. Ein junges, kleines Team baute das Heim von Grund auf auf. Diese Erfahrung motivierte. Ideen wurden gehört, Veränderungen waren möglich, und gemeinsam schufen sie eine Atmosphäre, in der sich auch die Jugendlichen wohlfühlten. «Wir haben uns eine kleine Oase kreiert. Ich bin jeden Tag richtig gerne arbeiten gegangen. Ich konnte mit ihnen Sport machen, mit ihnen ein Fussballmatch schauen. Sie hatten richtig  Bock, mit uns zusammen zu arbeiten. Das ist mega schön. Und das war eigentlich der Sinn dieses Jobs. Wieso ich diesen Job machen wollte. Um etwas bewirken zu können.» Eine gute Beziehung zwischen den Betreuenden und den Jugendlichen ist essenziell. «Wenn sie dir vertrauen und du es mit ihnen guthast, sind sie eher bereit, sich anzustrengen oder etwas mit dir zu unternehmen.», sagt Fontana – er hat diesen Unterschied selbst miterlebt. Dann würden die Jugendlichen echte Lebensfreude fühlen – nicht nur als Kontrast zu ihrem Trauma oder als Funktion einer vorgegebenen Struktur, sondern als selbstbestimmtes Empfinden, das Raum zum Wachsen findet.

Doch am jetzigen Standort erlebt Matteo Fontana eine andere Realität. Hier sind die Strukturen seit zehn Jahren etabliert und auf Herausforderungen reagiert man mit routinierten Standardlösungen – stets untermauert vom altvertrauten Argument: «Das haben wir schon immer so gemacht.» Dennoch sieht er Potenzial an seinem Arbeitsort. Da sie zurzeit genug Arbeitskräfte sind, können die einen weiterhin Problemlösungen übernehmen, während andere aktiv neue Angebote gestalten. Weg vom ständigen Feuerlöschen und hin zu aktiven, nachhaltigen Ansätzen – sein konkreter Vorschlag: Eine wöchentliche Inhouse-Aktivität für die Jugendlichen.


Diese Arbeit ist im Rahmen der Bachelorausbildung Kommunikation mit Schwerpunkt Journalismus an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften entstanden.