spagat zwischen genuss und «büez»

Madia Sabirova setzt sich für andere ein, während sie sich selbst nicht vergisst. Auf den ersten Blick wirkt sie ganz anders. Ein Brunch mit einer Frau, die viel hat und gern viel gibt.

Es ist 09:20 am Morgen. Aus den offwhite-farbigen Marshall-Boxen dröhnt Reggaeton. Kaffeeduft durchzieht die Wohnung im Zürcher Kreis 4. Wer bei Madia Sabirova zum Brunch eingeladen wird, muss sich keinesfalls nur mit Kaffee und Gipfeli begnügen. Auf dem liebevoll gedeckten, mahagoni-farbenen Holztisch stehen verzierte Schälchen mit Käse, geschnittenen Gurken, Cherry-Tomaten, Aufschnitt und Blutorangensaft. Zwischen den weissen, kunstvoll skizzierten Tellern ragen zwei Coupette-Gläser empor, gefüllt mit Joghurt, Knuspermüesli und frischen Erdbeeren. Liebe zum Detail zeigt sie nicht nur auf ihrem Esstisch. Auch ihre Wohnung und ihr Outfit spiegeln dies wider. Beige, glitzernde Hose kombiniert mit einer dezent bestickten Pailletten-Bluse ­– das ganze mit einem creme-farbigen Blazer abgerundet.

«Ich habe so schlecht geschlafen, bin die ganze Zeit aufgewacht. Habe so von Zwei bis Sieben Uhr geschlafen. Aber das ist immer so. Ich schlafe immer so wenig. Die Spiegeleier brutzle ich an, sobald wir ready sind zum Essen. Willst du noch einen Kaffee? Ich habe auch extra Hafermilch gekauft. Komm, setz dich hin, ich bereite alles vor und du kannst dann einfach deine Fragen stellen. Oder wollen wir lieber aufs Sofa? Hast du kalte Füsse? Ich habe noch Finken, extra für meine Gäste», sprudelt es aus der 42-Jährigen.

Ihre langen, geschwungenen künstlichen Wimpern, sorgfältig frisierten Haaren und abgestimmten Outfits suggerieren, Madia Sabirova befasse sich eher mit oberflächlichen Sachen im Leben. Doch hinter diesem äusseren Erscheinungsbild steht eine Person mit einer umfangreichen Vielschichtigkeit. Eine, die ein ausgeprägtes Interesse an der Weltgeschichte hat und diesen Wissensdurst mit einem Master of Advanced Studies (MAS) in angewandter Geschichte an der Universität in Zürich, gestillt hat. Eine, die sich für mehrere Wohltätigkeitsorganisationen engagiert und sich unter anderem für unbegleitete minderjährige Asylsuchende einsetzt und ihnen bei der Suche nach Lehrstellen hilft. Eine, die an die Ewige Liebe glaubt und sich sicher ist, dass jede Person diese erfahren wird. Eine, die so loyal ist, dass sie für ihre liebsten Menschen ihre letzte Pailletten-Bluse hergeben würde.

Aus der Sowjetunion ins «Grande»

Während sie eine Avocado halbiert, erzählt sie von ihrer Kindheit. Madia Sabirova wurde in Almaty, Kasachstans Ex-Hauptstadt, geboren – damals, vor dem Zerfall der Sowjetunion. Ihr Vater kam als Vertreter der Kasachstan Airlines nach Zürich. Als die 11-Jährige und ihre Mutter dem Vater bis nach Kloten – Egetswil, um genau zu sein, folgten, sprach sie nur Russisch und Kasachisch. Ihr disziplinierter Vater bekräftigte sie zusätzlich, Englisch zu lernen. Deutsch lernte sie in einem Spezial-Programm für Expat-Kids, wie sie sich selbst nennt. Da ihre Eltern nicht helfen konnten, stellte ihre Mutter eigens einen Lehrer für die Französisch-Hausaufgaben ein. «Ich bin viel mehr von meiner Mutter getrimmt worden. Französisch habe ich gelernt, weil meine Mutter mir einen Privatlehrer organisiert hat. Jeden Tag drei Stunden.» Auf die Frage, ob ihre Eltern viel von ihr erwartet haben, schaltet sie den Mixer ein und sagt in erhöhter Lautstärke: «Sorry, jetzt wird’s kurz laut! Meine Mutter … Nein, wie soll ich das sagen? Ich glaube, alle würden sagen, sie sind streng. Ich hatte eine gute Kindheit. Sie haben mich einfach überall gepusht.»

Die fertige Guacamole löffelt sie in das passende Schälchen und widmet sich der Pfanne, die sie davor schon begonnen hat zu erhitzen. «Tock ..Chrk» das erste Ei fliesst in die heisse Pfanne. «Ich bin offiziell eine Tanzpädagogin», sagt sie, während sie die nächsten Eier aufschlägt. Von der Tanzpädagogin zur Executive Managerin im Café & Bar Grande. Ihre berufliche Laufbahn ist ein ebenso vielschichtiges Mosaik wie ihre Persönlichkeit.

Nachdem sie ihre Tanzschuhe an den Nagel gehängt hat, spezialisierte sie sich auf Kaffee. Dabei hat sie junge Künstler*innen in Latte-Art trainiert. Bei der Latte-Art Schweizer-Meisterschaft der Swiss Coffee Association trinkt sie sich regelmässig als Jurorin durch unzählige Cappuccini. Noch heute malt sie, im Grande am Limmatquai, hinter der Kaffeemaschine kunstvoll Schwäne in den Cappuccino, die Führung hat sie jedoch nach 10 Jahren abgegeben. Sie will sich einer neuen Herausforderung widmen – dem Grande wird sie bald den Rücken kehren.

Von Montag bis Sonntag immer unterwegs

«Ich mache mir immer so ein Brot und belege es so wie in einem Restaurant. Dann on top ganz viel Sauce, ich liebe viel Sauce, mein Kühlschrank ist voll damit.» Während des Brunches wird über das Leben getratscht. «Oh nein, leider sind die Knuspermüesli im Joghurt ein bisschen eingeweicht, das nächste Mal tu ich sie später rein. Dann bleiben sie knusprig», Sabirova ist eine geborene Gastgeberin. «Ja, der Ernst, der zweite Mann meiner Mutter, hat mir das beigebracht. Schön decken, das Auge für Details ­– die Gastgeber*in-Leidenschaft.»

Als eingefleischte Nachtschwärmerin, seit sie 20 Jahre alt ist, kennt sie die Zürcher Ausgangs-Szene besser als ihren eigenen Kleiderschrank, der in ihrem Fall ein ganzes Ankleidezimmer ist. Sie verkehrt in den angesagtesten Lokalen und kennt die neuesten Insider-Tipps. Sie hat über die Jahre mehr Klatsch und Tratsch vergessen, als die meisten je zu Ohren bekommen werden. Ob sie etwas anders gemacht hätte? Nein. Sie sei zufrieden mit der Person, die sie heute ist. Der Gedanke, früher mit dem Studium zu beginnen? Kaum aufgetaucht, schiebt sie lachend ihn mit einer eleganten Handbewegung beiseite: «Nein, ich habe mich so ausgelebt. Ich habe so mein Leben genossen. Aber ich war halt schon von Montag bis Sonntag immer unterwegs. Und wenn ich das vielleicht verpasst hätte, weiss ich nicht, ob ich das dann jetzt nachholen müsste. Und das jetzt Nachholen ist, glaube ich, ein bisschen dümmer.» Bei finanzieller Unabhängigkeit würde sie den täglichen Party-Lifestyle schon weiter ausleben, fügt sie schmunzelnd  und augenzwinkernd hinzu. «So eine richtige Tochter von Beruf.»

Positive Lebenskrise

Zack, Zack die Reste packt sie in Tupperware, das dreckige Geschirr verstaut sie in die Spülmaschine. Mit schnellen Handbewegungen wischt sie über die Flächen. Plaudern und Putzen – 13 Jahre Gastro-Erfahrung machen sich bemerkbar. Während sie von ihrer prägendsten Zeit erzählt, bringt sie die Küche innerhalb fünf Minuten makellos zum Glänzen.

Mit 25 Jahren klopfte unverhofft die «Quarterlife-Crisis» an. Eine kurze Identitätskrise brachte Sabirova dazu, einen längeren Blick auf ihren Werdegang zu werfen. Ihre stetige positive Denkweise ziehe sie aus diesem prägenden Erlebnis. «Ich habe mir mega Gedanken gemacht, darüber, das Privileg zu haben, in der Schweiz zu sein. Mit dem Schweizer Pass bist du safe. Ich habe ein Riesenprivileg! Ich habe gedacht, statt zu jammern, muss ich was daraus machen. Alles rausholen, was ich kann – Weiterbildungen, Studium. Deshalb habe ich angefangen, so viel zu machen und angefangen zu studieren. Andere können das nicht. Ich schon und deshalb will ich diese positive Einstellung haben!»

Doch sie ruht sich nicht nur auf ihrem Privileg aus. Sie engagiert sich freiwillig beim Roten Kreuz und bei Caritas «Incluso». Dabei hilft sie unbegleiteten minderjährigen Asylsuchende und anderen Jugendlichen zwischen 14- und 18-Jahren bei der Lehrstellensuche. Eigene Kinder hat und will sie keine, doch mit dieser Arbeit will sie anderen helfen – etwas von ihrem Privileg zurückzugeben. «Ich treffe später am Abend noch einen von meinen Jugendlichen im Belmondo und helfe ihm bei den Bewerbungen. Aber zuerst habe ich noch einen Termin bei meiner Nageltante. Muss so um viertel ab 12 los. Willst du noch bevor du gehst die Fotos machen? Auch von mir? Soll ich posieren? Mit den Kuschelfinken? Schon, oder?»


Diese Arbeit ist im Rahmen der Bachelorausbildung Kommunikation mit Schwerpunkt Journalismus an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften entstanden.