«liebe anna, du hast mir sehr gefallen gestern. und mir eine kurze nacht beschert»

Ein Journalist hat die Zürcher Nationalrätin und Autorin Anna Rosenwasser belästigt, indem er ihr eine anzügliche E-Mail schickte. Konsequenzen für ihn gibt es keine. Der Mann zog sich aus der Affäre.

«Liebe Anna, du hast mir sehr gefallen gestern. Und mir eine kurze Nacht beschert», diese Nachricht erhielt Anna Rosenwasser im E-Mail eines Regionalzeitungsjournalisten. Ganz ungefragt, er wollte ihr den Bericht nur zum Gegenlesen schicken, doch offenbar hielt er es für genug wichtig, diesen Kommentar anzufügen. Nachdem die 34-jährige Nationalrätin den Journalisten damit konfrontiert, winkt er ab, das sei ein Missverständnis gewesen; gemeint sei natürlich ihren Auftritt: «Nichts für ungut, schöns Tägli.»

Ob ihre männlichen Kollegen auch solche Nachrichten erhalten, fragt sie sich in ihrer Kolumne vom 17. September 2024, welche Rosenwasser für die Republik schreibt. Ihr Fazit: Kein Journalist würde sich trauen, einem Mann, der im Nationalrat ist, solch eine Nachricht per Mail zu schicken. Ihr aber schon und das ist das Problem.


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Anna Rosenwasser ist Autorin und Nationalrätin mit den inhaltlichen Schwerpunkten Feminismus und LGBTQ. Im Frühjahr 2023 ist ihr Buch «Rosa» erschienen. Zudem ist sie freischaffende Journalistin.

Frauen in der Politik werden häufig mit Vorurteilen konfrontiert und weniger ernst genommen. Sie müssen sich mit sexistischen Kommentaren und respektlosen Bemerkungen herumschlagen und erfahren öfters persönliche Diffamierungen. In diesem Fall wird die Nationalrätin nicht ernst genommen und ihr dazu noch unterstellt, die Situation missverstanden zu haben.

«der ist eigentlich ein Guter. Aber ich glaube, ich verstehe, was dich stört.»

Oh, ups Sorry, Rosenwasser hat das falsch verstanden, Martin, ein ungefähr 60-jähriger Mann (so nennt sie ihn anonymisiert in ihrer Kolumne) ist ja «eigentlich ein Guter», wie ihn der Chefredaktor der Regionalzeitung, bei der er tätig ist, bezeichnet. «Aber ich glaube, ich verstehe, was dich stört», meint er bei einem ersten Telefongespräch.

Den Namen und die Redaktion nennt sie in ihrer Kolumne nicht. Aus Schutz – nicht, dass Martin in der Öffentlichkeit noch als «Grüsel» gelten könnte. Rosenwasser gibt aber zu verstehen, dass sie ihn nicht aus diesen Gründen schützt – sie schützt sich selbst.

Falls sie sich dazu entscheiden würde, den besagten Journalisten an den Pranger zu hängen, würde sie das Risiko eingehen, selbst auf die Abschussliste zu geraten.

Frauen müssen sich zweimal überlegen, was sie veröffentlichen

Dass die Gesellschaft mit einer überwältigenden Intensität reagieren kann, zeigt auch das aktuelle Beispiel der öffentlichen Zerstörung von Sanija Ameti. Dina Pomeranz, Wirtschaftsprofessorin an der Universität in Zürich, meint in einem Interview mit dem SRF, aufgrund des Falls Ameti, dass die Fehler von Frauen und unterrepräsentierten Gruppen anders beurteilt werden als die der Männer.

Vielleicht kann sie (die Chirurgin) es doch nicht so gut. Wenn hingegen einem Chirurgen der gleiche Fehler unterläuft, denken wir eher: Gut, das kann allen mal passieren»

Diese Schlüsse zieht sie aus einer Harvard-Vergleichsstudie, die die Arbeit von Chirurginnen und Chirurgen untersucht. Die Studie zeigt, dass Frauen strenger beurteilt und bestraft werden als ihre männlichen Kollegen. Da bei einem Todesfall auf dem Operationstisch einer Chirurgin die Überweisungen an diese erheblich sinken. Im Gegensatz passiert dies bei einem männlichen Chirurgen nicht.

Pomeranz meint dazu, dass sich unser inneres Bild dazu verformt hat, dass Frauen nicht in die Chirurgie passen. «Sobald dann ein Fehler passiert, denken wir deshalb automatisch: Vielleicht kann sie es doch nicht so gut. Wenn hingegen einem Chirurgen der gleiche Fehler unterläuft, denken wir eher: Gut, das kann allen mal passieren», äussert sich die Wirtschaftsprofessorin.

Rosenwasser wägt ab, ob darüber zu schreiben unfair ist

Nach dem Gespräch mit dem Chefredaktor ist sie verunsichert, ob es fair ist, den Text zu schreiben und zu veröffentlichen. Deshalb beschliesst sie sich, dies anonymisiert zu machen. «Ich werde also sexistisch behandelt, es ist erniedrigend, mir frisst das tagelang wertvolle Zeit und Energie. Dann überlege ich mir, wie ich mich wehren kann, ohne dass ich den Männern damit wehtue», schreibt die Nationalrätin in ihrer Kolumne.


Diese Arbeit ist im Rahmen der Bachelorausbildung Kommunikation mit Schwerpunkt Journalismus an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften entstanden.

Bildquelle: annarosenwasser.ch