Krieg, Hungersnot, Unwetterkatastrophen, Klimakrise und soziale Ungleichheiten. Ein Tsunami an Schlagzeilen über das Weltgeschehen rollt täglich auf uns ein. Passivität und Verantwortungs-Enthaltsamkeit sind die Antworten unserer Gesellschaft. Wir haben klammheimlich zugestimmt.
Während die einen bewusst die Flucht ergreifen und sich dabei in einen Mantel aus Ignoranz hüllen, stürzen die anderen in den blinden Aktivismus, getrieben von der Zurschaustellung ihrer moralischen Überlegenheit. Wer bleibt übrig? Diejenigen, die passiv durch News-Portale wie 20Minuten scrollen, nur um in der Kaffeepause einen halbschlauen Satz herauszupressen à la: «Jaja d’Wahl vom Trump isch also schono vorussehbar gsi.» Im gleichen Atemzug würde dieser passive News-Konsument aber auch darüber wettern, dass es in der Schweiz auch wieder mal zu viele «vo dene Usländer» gibt. Ich zeichne bewusst ein provokatives Bild und bediene dabei das Klischee des «alten weissen Mannes». Wieso? Weil sich der passive News-Konsument aus meinem Beispiel stets dem Narrativ des letzten Artikels, den er, während einer «kurzen, verdienten Pause» überflogen hat, bedient und keinen Meter weit selbst überlegt.
In einer Welt, in der uns das Übermass an Informationen nur so um die Ohren fliegt oder eher sich per Push-Nachricht im Minuten-Takt auf unserem heissgeliebten Smartphone mit einem «Kling» bemerkbar macht, ist es für viele nahezu unmöglich, diesen Informationsüberfluss aufgeklärt zu kategorisieren. «Schweizer Bevölkerung hat nur geringe Medienkompetenz», schreibt der Tagesanzeiger aufgrund einer Studie vom Bundesamt für Kommunikation (Bakom), die besagt, dass es vielen Befragten schwerfällt, die Kommunikationsabsicht eines Medienbeitrags – ob Information, Kommentar oder Werbung – einzuordnen.
Das bedeutet nun also, dass unsere «ach so aufgeklärte und kritische Gesellschaft» nicht mehr klar zwischen Information, Kommentar und Werbung unterscheiden kann. Medien-Beiträge werden weder kritisch hinterfragt noch bewusst wahrgenommen. Wir gleichen einem ausgetrockneten, alten Küchenschwamm, der sich unermüdlich mit schmutziger, schadstoffbelasteter Flüssigkeit vollsaugt – ohne Anspruch, aus reiner Gier nach irgendeiner Form der Sättigung, egal, was uns zugeführt wird.
Guter Journalismus ist keine Selbstverständlichkeit
Ehemaliger SRG-Direktor, Roger de Weck, meint gegenüber dem Tagesanzeiger «Journalismus wird zum Verlustgeschäft. Die Einbussen möchte er wettmachen, indem er kommerzieller wird: Die Titel werden reisserischer, Banales wird in dramatische Worte gekleidet. Redaktionen versuchen, rundum Hochspannung zu erzeugen.» Ohne eine gezielte Förderung des Journalismus droht eine Zukunft, in der noch mehr Gelder und Stellen gestrichen werden. Lokaljournalismus würde zunehmend von Machtmenschen wie Christoph Blocher übernommen werden. Die Konsequenz? Ein beträchtlicher Teil der Schweizer Medien fiele in die Hände von Oligarchen.
Bei dieser Art von Journalismus würde sich Kant im Grab umdrehen! Hässig würde er fordern: «Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!» Eine verantwortungsbewusste Gesellschaft soll aufgeklärt sein und in der Lage sich eigenständig zu informieren und nicht blind Autoritäten oder populären Meinungen zu verfallen. Ohne die vierte Gewalt als Sprachrohr für faktische Informationen, Kontrolle über Machthabende, Raum für Meinungsvielfalt und öffentliche Diskurse, ist eine aufgeklärte, kritische und fortschrittliche Gesellschaft nicht möglich. Man vergisst heute allzu leicht, dass guter Journalismus ein Kind der Aufklärung ist.
Auch Horkheimer und Adorno drehen sich im Grab um
Die gesellschaftliche Teilnahme am Diskurs beinhaltet mehr als den passiven Konsum von Artikeln mit reisserischen Titeln. Aufklärungsexperte Max Horkheimer und Theodor W. Adorno machen deutlich, dass es essenziell ist, Medien und die bestehenden Machtstrukturen kritisch zu hinterfragen. Gemäss ihrer «Dialektik der Aufklärung» tragen Massenmedien nicht zur Aufklärung der Menschen bei, sondern manipulieren und halten sie passiv. Vor allem die Kulturindustrie gerät in die Kritik, denn sie produziere nur standardisierte, oberflächliche Inhalte, die die Menschen von einer kritischen Auseinandersetzung mit der Realität ablenken. Sie führt zu Konformität und verhindert individuelle Emanzipation.
Heutzutage lebt der moderne Mensch vor sich hin, das Smartphone stets griffbereit, mit einem unendlichen Zugang zu Informationen. Statt sich aktiv zu informieren und zu diskutieren, überfliegt er gelegentlich einen Artikel und tröstet sich damit, einen bedeutenden Beitrag zum öffentlichen Diskurs zu leisten, indem er eine unfundierte Meinung in Kommentarform unter einem Artikel hinterlässt. Von Reflexion, über die Rolle als passive Beobachter*innen globaler Krisen fehlt dabei jegliche Spur.
Wir haben resigniert
Konsequente-Wegseher*innen und Hypermoral-Aktivist*innen haben sich zumindest mit der eigenen Haltung auseinandergesetzt und anschliessend bewusst eine Position bezogen. Ob man sich dieser Position anschliesst oder nicht, die Entscheidung wurde mit Absicht getroffen. Es kann als feige oder schwach gelten, sich von weltpolitischen Ereignissen abzuwenden – oder aber es geschieht aus Selbstschutz, wenn der tägliche Weltschmerz einen in die Knie zwingt und das eigene Leben aus der Bahn wirft.
Diejenigen, die sich in den Aktivismus hineinstürzen, und Alexander Graus «Hypermoral» vorgeworfen wird, bedienen sich der Empörungsmechanismen. Dies dient nicht dazu, Probleme zu lösen, sondern die eigene moralische Überlegenheit zur Schau zu stellen. Sie mögen aus fragwürdigen Motiven handeln, doch ihre Wut treibt sie an, und sie kämpfen für eine bessere Welt.
Wirklich zu hinterfragen sind die aufgeklärten, passiven News-Konsument*innen, die keine Stellung beziehen und sich nicht mit ihrer Rolle als Zuschauende auseinandersetzen. Sloterdijk kritisiert in «Kritik der zynischen Vernunft», dass heutzutage viele Menschen zwar aufgeklärt sind, aber nicht mehr bereit sind, wirkliche Verantwortung zu übernehmen. Ohne eine aktive und aufrichtige Teilnahme an den gesellschaftlichen Diskursen stimmen wir alle still und heimlich den globalen Missständen zu.
News-Abstinente, Sich-Hineinstürzende-Aktivist*innen, Passive-Mittelweg-Konsument*innen und eine Prise Journalismus, der zu wünschen übriglässt, wie soll das zu einer funktionierenden und aufgeklärten Gesellschaft führen? Wahrscheinlich sollte die Bevölkerung zuerst lernen, den Unterschied zwischen einer Werbeanzeige und einer Nachricht zu erkennen.
Diese Arbeit ist im Rahmen der Bachelorausbildung Kommunikation mit Schwerpunkt Journalismus an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften entstanden.
Bildequelle: pinterest
